Barrierefreiheit im Web: Warum deine Website mehr Menschen ausschließt, als du denkst

Illustration verschiedener Nutzergruppen, die eine barrierefreie Website auf verschiedenen Geräten nutzen

Stell dir vor: Du liegst mit einem gebrochenen Arm auf dem Sofa. Dein Smartphone ist das einzige, was du erreichst. Du suchst nach einer Physiotherapeutin in Hamburg – Smartphone, eine Hand, grelles Display in der Sonne.

Der Text auf der Website der ersten Therapeutin? Kaum lesbar. Zu klein, zu wenig Kontrast.

Die zweite? Ein Autoplay-Video startet direkt. Doch ohne Ton kannst du nichts verstehen.

Die dritte Website lädt nicht richtig. Das Kontaktformular funktioniert nicht per Tastatur.

Du rufst die vierte Praxis an.

So geht es vielen Menschen, die im Web suchen. Das ist keine Randgruppe. Das ist dein potenzieller Kunde.

Wer ist eigentlich im Alltag “eingeschränkt”? Mehr Menschen als du denkst

Die Zahl überrascht viele: Laut Statistischem Bundesamt leben in Deutschland rund 7,9 Millionen Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung – das sind 9,3 % der Bevölkerung. Fast jeder zehnte Einwohner.

Dazu kommen noch einmal mehrere Millionen mit leichteren Beeinträchtigungen. Und noch einmal mehr mit kognitiven Einschränkungen wie ADHS oder Legasthenie.

Wir gehen von 13 Millionen Menschen mit Beeinträchtigungen aus. Heißt: Rund 16 % der deutschen Bevölkerung leben mit spürbaren Beeinträchtigung im Alltag.

Und noch größer gedacht: Es betrifft 87 Millionen Menschen in der EU.

Aber die vielleicht wichtigste Zahl: 9 von 10 Schwerbehinderungen entstehen durch Krankheit oder Unfall – nicht durch Geburt. Die meisten Menschen, die heute eingeschränkt sind, waren es irgendwann nicht.

Das bedeutet: Es geht nicht um “die anderen”. Es geht um uns alle.

Temporär, situativ, altersbedingt – Einschränkungen treffen jeden

Temporäre Einschränkungen

Ein Skiunfall. Eine Augenoperation. Eine Sehnenscheidenentzündung nach zu vielen Stunden am Laptop.

Plötzlich navigierst du eine Website mit einer Hand. Oder du kannst nach einer OP tagelang kaum auf ein Display schauen. Animationen, die du sonst nicht bemerkst, werden zum Problem.

Ich kenne das selbst – nicht durch Krankheit, sondern durch eine leere Maus-Batterie. Plötzlich musste ich mich per Tastatur durch Websites navigieren. Und ich habe gemerkt: Die meisten sind darauf überhaupt nicht vorbereitet. Der Fokus-Rahmen – die Markierung, die zeigt, wo man gerade ist – fehlt oder ist kaum sichtbar. Die Tab-Reihenfolge springt wild durch die Seite. Man verliert komplett den Überblick, wo man gerade ist.

Kein Ausnahmeproblem. Einfach eine leere Batterie.

Situative Einschränkungen – auch ohne jede Erkrankung

Ich ertappe mich selbst dabei, Seiten einfach zu schließen und auf den nächsten Anbieter zu klicken. Und das aus Gründen, die nichts mit meiner Gesundheit zu tun haben.

Animationen, die das Menü verdecken – weil sie so “schön” über alles drübergleiten. Links, die nicht als Links erkennbar sind – einfach fett gedruckt, wie der normale Fettdruck daneben. Keine Unterstreichung, keine Farbe, kein Hinweis. Ich klicke ins Leere und frage mich, was ich falsch mache.

Das ist kein Komfort-Problem. Studien zeigen, dass Nutzer bei schlechter Bedienbarkeit schnell abspringen – und das wirkt sich direkt auf die Absprungrate aus und damit auf deine SEO.

Altersbedingte Einschränkungen

Alterssichtigkeit setzt oft schon ab 45 ein. Ich bemerke das selbst: Schriften, die früher problemlos lesbar waren, fordern heute mehr Konzentration. Besonders auf dem Display. Besonders in der Sonne.

Und dann kommen diese cremigen, pastelligen Farbwelten, die gerade als modern gelten. Sanftes Grau auf Weiß. Hellbeige auf Cremeweiß. Sieht im Designentwurf elegant aus – ist in der Praxis für viele Menschen kaum lesbar.

86 % der Menschen mit Behinderung in Deutschland sind 55 Jahre oder älter. Das ist genau die Altersgruppe, die häufig einen Handwerker sucht, eine Therapeutin braucht, einen Coach anfragen möchte.

Deine Zielgruppe.

Dazu kommt: Wir lesen im Web anders als in einem Buch. Wir scannen. Auf dem Handy scrollen wir schnell durch. Wer keine klare Überschriftenstruktur hat, verliert seine Leser – nicht weil sie nicht interessiert sind, sondern weil die Seite keine Orientierung gibt.

Es geht um mehr als Sehbehinderung und Screenreader

Wenn du “Barrierefreiheit” hörst, denkst du wahrscheinlich an Blinde mit Screenreadern. Das ist ein wichtiger Teil – aber nur ein Teil.

Motorische Einschränkungen: Sehnenscheidenentzündung, Rheuma, Parkinson – oder wie gesagt, einfach eine leere Batterie. Wer nicht mit der Maus arbeiten kann, ist auf Tastaturbedienbarkeit angewiesen. Wenn deine Website das nicht unterstützt, bist du raus.

Kognitive Einschränkungen: ADHS und Legasthenie betreffen zusammen einen erheblichen Teil der Bevölkerung. Für diese Menschen sind überladene Layouts, viele Animationen und unruhige Seiten ein echtes Problem – kein ästhetisches, sondern ein funktionales.

Epilepsie: Blinkende Banner und automatisch startende Animationen können epileptische Anfälle auslösen. Das klingt dramatisch – und das ist es auch. Wer solche Elemente auf seiner Website hat, schließt Menschen aktiv aus.

Hörbehindert: Ein Video ohne Untertitel ist für Gehörlose unbrauchbar. Und wie oben schon gesagt – auch für jeden, der gerade keine Kopfhörer dabei hat.

Mein Fazit nach vielen Website-Projekten: Eine Website, die für eingeschränkte Menschen nicht funktioniert, funktioniert oft auch für viele andere nicht gut. Ablenkende Animationen nerven alle. Schlechter Kontrast strengt alle an. Unklare Navigation verwirrt alle.

Gutes HTML ist nicht nur fair – es ist auch schlau

Hier ist der Teil, der viele überrascht.

Barrierefreies HTML und gutes SEO sind fast identisch. Kein Zufall – beide haben dasselbe Ziel: Inhalte klar und strukturiert zugänglich machen.

Klare Überschriften-Hierarchie (H1/H2/H3): Hilft Screenreadern, sich auf der Seite zu orientieren. Und Google zu verstehen, worum es auf der Seite geht. Auf dem Handy ist es außerdem der einzige Weg, langen Content übersichtlich zu halten.

Alt-Texte bei Bildern: Für blinde Nutzer unverzichtbar. Für die Google-Bildsuche genauso wichtig.

Saubere Seitenstruktur: Ein Screenreader folgt dem HTML. Genauso folgen Google-Crawler und KI-Systeme wie ChatGPT oder Perplexity dem HTML – und zitieren gut strukturierte Seiten häufiger in ihren Antworten. Das nennt sich GEO (Generative Engine Optimization) und wird immer wichtiger.

Schnelle Ladezeiten: Pflicht bei schlechter Verbindung, also für jeden unterwegs. Und gleichzeitig Rankingfaktor bei Google.

Ich hatte eine Kundin, die ihre Website mit Divi gebaut hatte. Divi ist ein beliebter Page-Builder für WordPress – das Problem: Der erzeugte Code ist überladen mit unnötigen DIV-Ebenen, die keine inhaltliche Funktion haben, aber den Quelltext massiv aufblähen. Das verlangsamt die Seite und macht es Suchmaschinen schwerer, die eigentlichen Inhalte zu verstehen.

Nach dem Relaunch – klare Inhalte, sauberer Quelltext, semantische Struktur – wurde die Seite sichtbar. Nicht durch einen SEO-Trick. Sondern weil Google endlich lesen konnte, was darauf steht.

Was für Menschen mit Einschränkungen funktioniert, funktioniert auch für Maschinen. Das ist kein Zufall – das ist gutes Handwerk.

Was gilt rechtlich? Das BFSG kurz erklärt

Seit dem 28. Juni 2025 ist das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) in Deutschland in Kraft. Es setzt die EU-Richtlinie “European Accessibility Act” in deutsches Recht um.

Betroffen sind: Online-Shops, Buchungssysteme mit Zahlungsfunktion, digitale Dienstleistungen für Endkunden.

Nicht direkt betroffen sind Kleinstunternehmen – also Unternehmen mit weniger als 10 Mitarbeitern UND weniger als 2 Millionen Euro Jahresumsatz – bei reinen Dienstleistungs-Websites ohne Shop oder Buchungsfunktion.

Das heißt: Viele Soloselbständige, Handwerker, Coaches und Therapeuten fallen formal unter die Ausnahme.

Aber hier ist meine klare Meinung dazu:

Die Frage sollte nicht sein “Muss ich?” sondern “Will ich, dass alle meine potenziellen Kunden meine Website nutzen können?”

Wer sich hinter der Kleinstunternehmer-Ausnahme versteckt, versteckt sich. Wer wachsen will und professionell auftreten möchte, macht seine Website barrierefrei – freiwillig, weil es das Richtige ist.

Wenn du unsicher bist, ob du betroffen bist: Auf bfsg-gesetz.de gibt es einen kostenlosen BFSG-Check.

Was du jetzt konkret tun kannst

Du brauchst keine komplette Website-Überarbeitung. Diese Punkte helfen sofort:

  • Alt-Texte: Jedes Bild braucht einen beschreibenden Alt-Text. Nicht “Bild1.jpg”, sondern “Handwerker verlegt Fußbodenheizung in Hamburger Altbau”.
  • Kontrast prüfen: Text und Hintergrund brauchen ausreichend Kontrast. Faustregel: mindestens 4,5:1 für normalen Text. Das lässt sich kostenlos mit dem WAVE-Tool prüfen – einfach URL eingeben, sofort Ergebnisse sehen.
  • Links erkennbar machen: Ein Link muss als Link erkennbar sein – durch Unterstreichung, Farbe oder beides. Fettdruck allein reicht nicht.
  • Keine blinkenden oder automatisch startenden Elemente: Weder Autoplay-Videos noch nervöse Animationen. Die schaden mehr als sie nützen – und können im schlimmsten Fall ernsthafte Folgen für Besucher mit Epilepsie haben.
  • Schriftgröße: Mindestens 16px für Fließtext. Alles darunter ist auf dem Smartphone in der Sonne kaum lesbar – erst recht nicht mit beginnender Alterssichtigkeit.
  • Überschriftenstruktur: H1 einmal, H2 für Hauptabschnitte, H3 für Unterpunkte. Konsequent. Das hilft beim Scannen auf dem Handy genauso wie bei Screenreadern und Google.
  • Tastaturbedienbarkeit testen: Tab-Taste drücken und durch die Seite navigieren. Kommt man überall hin? Ist immer klar, wo man gerade ist? Bei vielen WordPress-Themes ist das überraschend kaputt.
WAVE Tool Barrierefreiheits-Check der seo-logisch.de Website mit AIM Score 9.8 von 10
Das WAVE-Tool zeigt: 0 Fehler, 0 Kontrastfehler – AIM Score 9,8 von 10. Kostenlos prüfen auf wave.webaim.org

Mein Fazit: Niemanden ausschließen ist eine Haltung

Ich möchte Websites bauen, die für alle funktionieren. Nicht weil ich muss – bei vielen meiner Kunden gilt die Kleinstunternehmer-Ausnahme. Sondern weil ich niemanden ausschließen will. Teilhabe ist so unendlich wichtig. Wir sollten viel mehr darüber nachdenken und sensibel bleiben.

Und temporäre Einschränkungen betreffen uns schließlich alle irgendwann. Alterssichtigkeit kommt. Unfälle passieren. Oder wie bei mir: Die Maus-Batterie ist leer. Situationen, in denen eine Hand frei ist oder das Display blendet, kennt jeder.

Wer das bei seiner Website berücksichtigt, baut keine Barrieren auf. Und gewinnt gleichzeitig: bessere SEO, bessere Sichtbarkeit in KI-Antworten, bessere Nutzererfahrung für alle.

Das BFSG ist der formale Rahmen. Aber die eigentliche Motivation sollte einfacher sein: Eine gute Website schließt niemanden aus.

Wenn du wissen willst, wie barrierefrei deine Website gerade ist – ich schaue mir das gerne gemeinsam mit dir an.

Weiterführend: Warum deine Website keine Kunden bringt: 9 typische Fehler

Inhalt